Lexikon zur Kunst in der Schweiz: sikart.ch/vitoria pinto


Vitoria Pinto [Zürich, 1956*] arbeitet bevorzugt ortsspezifisch und situativ. Von März bis September 2014 realisierte sie im verglasten Innenbereich des Krematoriums Nordheim Zürich die Intervention "EINANDER"; ein 15-tlg. grossformatiger Malzyklus im überdeckten Verbindungsgang und eine Textarbeit auf der den Innenhof umschliessenden Glasfassade.

Von Juni 2014 bis Juni 2015 war im Stadtzentrum von Uster bei Zürich auf acht Plakatwänden ihre 96-tlg. Textarbeit "DAS GRUNDPRINZIP IST BEI ALLEN GLEICH" zu sehen.

2016 verwandelte sie die Kunstkiste Uster für die Dauer ihrer Intervention "verkehrt" in eine "Kunstkiste konstruktiv", worüber als Teil der Intervention im Stadtzentrum von Uster auf Plakatwänden informiert wurde mit dem Text "Zürich hat ein Haus Konstruktiv, Uster hat eine Kunstkiste Konstruktiv".

Die konzeptionelle Herangehensweise der Künstlerin zeigt sich schon auf dem Namensschild vor dem Eingang zu ihrem Atelier. Dort steht "Vitoria Pinto.KUNSTBETRIEB" und der Name ist Programm. Sie versteht sich und ihren Kunstbetrieb als Teil des Kunstbetriebs; Mikro-Makro ist in den meisten ihrer Werkgruppen ein zentrales Thema.

Installation/Intervention
“Freistil”, Badeanstalt Uster, 2017; akku Kunstkiste, Uster, "verkehrt" (2016); Bahnhof Thalwil, Perron 4 + 6, Artbox Nr. 70 “ Tagraum" (2015); Uster Kultur, Plakataktion, “ Das Grundprinzip ist bei Allen gleich" (2014, 2015); Krematorium Nordheim, Zürich, “Einander" (2014)

Einzelausstellungen (Auswahl)
Galerie Milchhütte, Zumikon, “Modula rasa" (2016); Galerie Sprenger & Tommasi, Wetzikon, Kafkasatzschwarz ist meine Lieblingsfarbe" (2015); biz Uster, Bildungsdirektion des Kt. Zürich, “ Talk to me" (2014); Galerie Textilaltro, Rapperswil »Einsteinsein« (2012); Forum Museum Eva Wipf, Pfäffikon ZH, »Kunst im Bau« (2006)


Gruppenausstellungen (Auswahl)
Galerie Platz für Kunst, Rapperswil, "Colourful environments" (2017); Galerie Milchhütte, Zumikon, Kunstblick Arte povera (2015); oxyd Kunsträume, Winterthur (2013, 2011,2008); Raum für Kunst und Literatur, Basel, »Täglich frische Wörtchen« (2012); Forum Museum Eva Wipf, Pfäffikon ZH (2011); Städtische Galerie Villa am Aabach, Uster (2008, 2007);

Werkankäufe / Förderbeiträge
Fachstelle Kultur Kanton Zürich (2010, 2008); Gemeinde Fehraltorf (2008), Gemeinde Thalwil (2015); Kulturkommission Uster (2016, 2014, 2012, 2010, 2008); Kulturkommission Wetzikon (2015, 2013);

Publikationen
»Tausend Tode sterben«
Christiane Frohmann (Hg.), minimore.de, 2015, ISBN ePub: 978-3-944195-55-1,

»Liebes Zeichen«
Ein genderkorrektes Projekt von Vitoria Pinto, soziokulturelle Animation mit 400 Menschen unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen, 2008, Katalog - 180 s./270 abb., Edition Howeg, Zürich

»Warten auf Lila«
Katalog, erschienen 2006 zur Ausstellung «Vitoria Pinto – Kunst im Bau«, Museum Eva Wipf, Pfäffikon ZH


Vernissageansprachen

Einführung Museum Eva Wipf, Pfäffikon ZH (Auszug)
Vitoria Pinto - Da geht`s zum Strand, 2006

"Vitoria Pinto arbeitet konzeptionell mit Sprache und Schrift. In Bildern, Interventionen und Lesestücken wird der gängige und unbewusste Sprachgebrauch hinterfragt.
Wörter und Begriffe werden aus ihrem angestammten Kontext genommen, isoliert und verselbständigt. Durch die künstlerischen Eingriffe lösen sie sich vom Gegenstand und vom Bild, das sie im gängigen Sprachgebrauch übermitteln müssen und es wird plötzlich erkennbar, was ihre eigentliche Aussage wäre.
Die bewusst puristisch gestalteten Sprachtafeln und Installationen verhelfen den Wörtern und Sätzen zu einem Eigenleben. Die Texte treten in einen Dialog zum Umfeld, zur Situation, zum Ort und zum verunsicherten, oft auch amüsierten Betrachter. In dessen Kopf offenbart das Gesehene eine neue Bedeutungsebene und verwandelt sich so in eine Art neues Werk."
Charly Thommen, Architekt, Ausstellungsmacher




Einführung zur Ausstellung im Kunstdach Uster, Vitoria Pinto
“Äussere Innenräume", September 2010

Vitoria Pinto hat sich nach dem Besuch der Schule für Gestaltung und der Weiterbildung in der Textilfachklasse der heutigen Zürcher Hochschule der Künste mit ihrem eigenen Textillabel etabliert und viele Auszeichnungen im In- und Ausland erhalten. Seit 2003 gehört ihre Leidenschaft neben Raum und Farbe ganz dem Text und der Sprache.
Vitoria Pinto.KUNSTBETRIEB heisst die Firma der nie ruhenden Allrounderin. Konzepte schreiben, grosse Umfragen durchführen, alle integrieren und motivieren, sich für die Kunst einzusetzen, Kunst vermitteln und Malkurse geben sind einige ihrer Tätigkeiten.
Die Künstlerin arbeitet, wenn sie mal keinen Betrieb hat, vorwiegend mit dem Medium Sprache. Ihre Textarbeiten entstehen über lange Zeiträume. Oft werden sie speziell für einen bestimmten Ort konzipiert wie z.B. die Arbeit: „Was vorher nicht oder nicht so gut sichtbar war“ für das Optik Tschopp Geschäft, Uster. Oder es wird ein Thema von existenzieller Bedeutung gewählt z.B. „Liebes Zeichen“ und unter diesem Titel ein Projekt durchgeführt, an dem mehr als 400 Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen gestalterisch über die Polarität zwischen Mann und Frau nachdachten. (Präsentation Oxyd Winterthur, 2008, mit Publikation)
Ja, mit ihrem Scharfsinn, gehen ihr die Themen nicht aus. Viele ihrer provozierenden Statements sind so eingängig, dass sie bei uns bleiben, wenn wir sie einmal gesehen haben, z.B. „Sofabilder“ oder „dieser Welt gefallen sie“. Andere sind subtile Textverdrehungen, die von uns Betrachtern zu lösbaren und unlösbaren Denkaufgaben werden. Ihre Textbeiträge sind sehr humorvoll, gewollt, geplant, konzeptuell, polarisierend, irritierend. - Es ist einfach faszinierend, wie ihre mutigen, frechen Aussagen politisch und gesellschaftlich bewegen.
In den „Äusseren Innenräumen“ stellt Vitoria verschiedene neue Werkzyklen vor. Rhythmisch liegen oder hängen ihre Aussagen auf dem Boden oder an der Wand. Sie sind perfekt gestaltet.
„ales stimt“ steht auf einem Täfelchen nur mit einem l und einem m geschrieben. Grotesk! Der Text wird durch die Gestaltung der Buchstaben mit ihren Doppellinien unterstützt. Die Buchstaben wurden maschinell in die Plastikoberfläche graviert. Die Wichtigkeit der Aussage in der Farbwahl schwarz /weiss, sein oder nicht sein, bekräftigt. Die Gestaltung der Werkserien ist sehr vielfältig. Das Spektrum reicht von einfachen, günstigen Plotterdrucken bis hin zu minutiöser unendlicher Malarbeit, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Eins ist sicher, ob die Künstlerin mit der linken Hand schreibt oder Buchstaben schabloniert, es wird nichts dem Zufall überlassen und Vieles hat bei Vitoria Pinto eine symbolische und mystische Bedeutung.
Astrid Graf-Noha, Museumspädagogin und Architektin




Einführung biz Uster, Vitoria Pinto - Talk to me, Vernissage 22. August 2014

Geschätzte Vernissage-Gäste
"Talk to me" – sprich zu mir. So nennt die Künstlerin Vitoria Pinto ihre Ausstellung. Es ist die Einladung, sich zu äussern, sich zu zeigen, vielleicht sogar zu sich selber zu sprechen, jedenfalls in Dialog zu treten.
Vitoria Pinto stellt vier Typen von Arbeiten aus, dich ich ihnen gerne näher bringen möchte. Beginnen möchte ich mit den Objekten, die sie an den beiden Seitenwänden sehen. Fröhlich, bunt und ohne erkennbare Ordnung sind die bemalten Kleinskulpturen über die Wände verteilt, verschwinden gar um die Ecke, als wärs ein Vogelschwarm, der vorbeifliegt, gleich nicht mehr zu sehen ist oder farbige Blätter eines Baumes, die der Wind davon bläst. Mit dem Baum kommen wir der Sache, jedenfalls dem Material näher. Tatsächlich sind es bemalte Holzstücke. Alle bestehen aus zwei gleichen Teilen – ja, aus zwei gleichen! – die dann unterschiedlich zusammengesetzt verschiedene neue Körperformen ergeben. Erst die farbige Bemalung vereint sie wieder zu einem Stück. Ein einziges Stück – das ist ein weiteres Stichwort: Folgen sie mir bitte beim nächsten Gedankenexperiment, auch wenn es sie ein bisschen an eine Mathematikstunde erinnern mag - aber mit Schule und Bildung hat dieser Ort ja im Besonderen zu tun. Im Geist nehmen wir also beliebige 9 dieser Objekte von der Wand und legen sie vor uns auf einen Tisch. Dann machen wir uns daran, jedes der Objekte wieder in seine zwei Teile zu zerlegen. Vor uns liegen schliesslich 18 Elemente. Wir stellen fest: alle haben die gleiche Form. Und jetzt setzen wir sie wieder zusammen! Aber neu, so, dass zwei aneinandergefügt immer einen Stab wie z.B. diesen hier ergeben. Legen wir dann drei solcher Stäbe nebeneinander und dann drei drauf - und nochmals drei drauf, so steht zum Schluss vor uns – was? - ein Würfel von gut 20 cm Seitenlänge, bestehen aus 18 Teilen. Das erinnert uns an das Spielen mit Bauklötzen im Kindergarten und daran, dass Mathematik und Spiel miteinander zu tun haben – die Freude am Ordnen und am frei kombinieren, bald nach einer Regel, bald frei der Phantasie folgend. Es ist die Art, wie wir lernen und eigentlich schon ab dem Kleinkindalter uns selber bilden. Neugier und Staunen gehören dazu.
Wenn sie noch eine Runde mögen, dann „räumen wir jetzt auf“, indem wir das Ganze rückwärts durchgehen. Den imaginären Würfel von gut 20 cm Seitenlänge stellen sie sich nun aus einem kompakten Stück Holz vor: Wir schneiden ihn zuerst in drei gleiche Scheiben, einmal von oben nach unten und dann noch waagrecht. Das Resultat sind – 9 Stäbe. Jeden dieser Stäbe zersägen wir in der Mitte, aber nicht senkrecht, sondern diagonal, sodass schräge Flächen entstehen. Aus den neun Stäben entstehen so 18 Teile, die – unterschiedlich zusammengesetzt und bemalt – dann 9 Raumobjekte ergeben wie sie hier an der Wand hängen. Diese Werkgruppe besteht aus insgesamt 72 Raumobjekten, also 144 Modulen. Würde man nämlich den nächstgrösseren Würfel zusammensetzen aus dem vorhin beschriebenen, bräuchte man dazu acht Würfel. Sie sehen also, was hier zuerst als ungeordnet erscheint, hat durchaus Systematik. Der Würfel ist übrigens unser nächstes Stichwort: Würfel heisst auf engl. cube und „white cube“ – weisser Würfel – ist in der Kunstgeschichte des letzten Jahrhundert zu einem stehenden Begriff geworden, auf den die Künstlerin hier auch anspielt. Seit den 1920er Jahren wurde es üblich, Kunst in leeren, weissen Räumen zu zeigen, quasi im neutralen Raum, damit die Kunst nicht tangiert sei von der Architektur oder anderen Elementen im Raum. Wie sie sehen, eine Situation, die hier alles andere als gegeben ist. Der „white cube“ gilt aber auch längst nicht mehr als der ideale Ausstellungsort; Kritik wurde laut, Kunst sei so zu wenig erlebbar, zu losgelöst.
Hier in dieser Ausstellung treten Kunst und Ort in Beziehung, man könnte sagen in Dialog: Die Künstlerin spricht bei dieser Arbeit übrigens von „Wall pieces, edge pieces, corner pieces“. Sie werfen geradezu Fragen nach der Positionierung im Raum auf. Es geht um Wahrnehmung und Bewusstsein. Der Frage nach dem Ort des Objekts im Raum folgt die nach einer möglichen Bedeutung. Vitoria Pinto nennt beispielsweise das Element hier oben an der Ecke einen „Andocker“. Er kann stehen für „in Kontakt gehen“. Ein anderer etwa „lehnt sich weit hinaus“. Ist die Balance gewährleistet, kann das Objekt sich so halten, ist es gefährdet, runterzufallen? Welche Sicherheit braucht es? Wir könnten beispielsweise ein anderes Element als Stütze darunter anbringen, diese Module sind ja frei zu positionieren. Sie sehen, es ist ein Gedankenspiel, das selbstreflektierend Fragen nach sich zieht wie: Wo positioniere ich eigentlich mich? Wo ist meine Balance zwischen Struktur und Flexibilität? Bezogen auf den spezifischen Ort hier hiesse dies auch: Wieviel Sicherheit und wieviel Freiheit brauche ich auf meinem beruflichen Weg, etwa um mein Potenzial entfalten zu können?
In dieser Ausstellung sehen sie weiter 3 Werkserien, in denen sich Vitoria Pinto künstlerisch mit Gebrauchsanweisungen auseinandersetzt; eine vierte Gruppe aus diesem Themenkomplex sind die Plakate auf den Kunstplakatstellen der Stadt Uster, die bis nächsten Sommer mit 72 verschiedenen Textfragmenten im öffentlichen Raum für Irritation sorgen. Zu den drei Serien in dieser Ausstellung: „Das Grundprinzip ist bei allen gleich“. Dieser Satz, der auf dem Bild neben dem Eingang noch schwach lesbar ist, verbindet die anderen Werke der Ausstellung miteinander. Alle sind Varianten – Spielformen – über ein Thema: Gebrauchsanweisungen. Die Künstlerin Vitoria Pinto hat genau hingeschaut und unzählige Formulierungen in Gebrauchsanweisungen entdeckt, die losgelöst vom Zusammenhang, aus dem sie kommen, ziemlich zu denken geben. Die weisse Übermalung, welche die zuerst sorgfältig aufgemalten Buchstaben zum Verschwinden bringt, gibt den Worten eine weitere Bedeutungsebene: Erinnerten in früheren Jahrhunderten Stillleben mit Motiven wie welkenden Blumen, Sanduhren oder toten Hasen an die Vergänglichkeit unseres Daseins, kann hier die Übermalung als dieses Grundprinzip gelesen werden, das für uns alle gilt: da sein und zu einem bestimmten Zeitpunkt - nicht mehr da sein.
Eine zweite Serie sind die farbigen Textstäbe, die stark den Charakter von Handlungsanweisungen haben, aber ohne Kontext doch auch unklar, zumindest allgemein bleiben. Gestalterisch erinnern sie an Warnschilder, während den Wandarbeiten auf der Seite ja auch etwas von Wegmarken oder Wegweisern anhaftet. Wanderwegweiser, wie wir sie manchmal in alle möglichen Richtungen zeigend an einer Stange finden. Wir lesen sie, um dann zu entscheiden, welchen Weg wir einschlagen wollen. Das erfordert verschiedene Betrachtungswinkel – wieviel Zeit steht mir zur Verfügung und wieviel Kraft habe ich. So werden sie zum Ort der Entscheidungsfindung und auch zum Ort des ersten Schritts in eine neue Richtung.
Die dritte Serie besteht ebenfalls aus Textbildern. Die gemalten Begriffe erschliessen sich nicht unmittlebar, obwohl die Buchstaben leicht zu erkennen sind. Um die Worte erfassen zu können, müssen wir – erneut wie Lernende in der Unterstufe es tun – sie langsam sprechend buch-sta-bie-ren: Da steht zum Beispiel auf drei Zeilen Balance halten oder reduzieren. Bei diesem Bild sind die Buchstaben so gross geschrieben, dass sie das Bildmass geradezu sprengen und so die Bedeutung bildhaft machen. Eine weitere Anweisung lautet [Praezisieren]. Das Ganze und seine Teile, das Einfache und das Komplexe, das Horizontale und das Vertikale, Polarität – dies sind einige Merkmale, die Vitoria Pintos Kunst auszeichnen.

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Isabelle Köpfli, Kunsthistorikerin



Einführung zur Ausstellung in der Sihldruck AG, Zürich, Vitoria Pinto
„Worte und Taten", 23. Februar 2017

Vitoria Pinto ist nicht irgendeine Künstlerin, nein sie ist eine Sprach-Künstlerin. Die Grundlage ihres Schaffens ist der Text und zwar im umfassendsten Sinne des Wortes.
„Text" ist – so Duden – eine „zusammenhängende Folge von Aussagen". Der Begriff „Text" geht zurück auf das lateinische Wort „textus" mit der Bedeutung „Gewebe", abgeleitet vom Verb „texere" zu Deutsch: „weben". Und Weberin mit ihrem eigenen Textillabel war Vitoria Pinto nach einer entsprechenden Ausbildung solange, bis sie diese Tätigkeit 2004 mit der Anzeige „Ich webe nicht mehr" an den berühmten Nagel hängte um fortan Gewebe aus Raum, Farbe und Sprache zu weben: Objekte, Bilder und immer wieder auch Text-Bilder.
Dies ist hier und jetzt in der Ausstellung exemplarisch sichtbar; sie umfasst vier Werkgruppen. Vier mal „Worte und Taten" von Vitoria Pinto. Nehmen wir uns einige Minuten Zeit, ihnen näher zu kommen. Zunächst die Wandobjekte, oder wallrider, wie die Künstlerin sie nennt: "Modula rasa, rhythm and stripes". Scheinbar reine Taten: Horizontale und vertikale Streifen, ein farbiger Raster, ein buntes Gewebe, Malerei, flächig. Doch dies ist nur die Oberfläche der Stäbe, genauer der Körper. Diese sind aus identischen, fünfseitigen Modulen oder Einzelteilen zusammengesetzt, deren Form einem Stück einer Toblerone-Schokolade entspricht. 21 solcher Module bilden eine erste Variante dieser Stäbe, 42 resp. 63 Module eine zweite und dritte Variante. Es ist dies nicht die Quadratur des Kreises, sondern die Verwandlung eines Dreiecks in ein Quadrat oder in ein Trapez in Form eines Stabes. So stehen wir vor Objekten, die von der Spannung Körper versus Fläche, resp. horizontal versus vertikal und unsichtbar versus sichtbar leben. Scheinbar einfache, letztlich jedoch sehr komplexe Gebilde: Das Ganze und seine Teile, Schein und Sein.
Vor Wort-Bildern stehen wir dann bei den drei übrigen Werkgruppen. Und alle fordern uns zu Taten auf, handelt es sich bei den Worten doch ausschliesslich um Anweisungen resp. Befehle, die sich direkt und unverblümt an die Betrachterin resp. den Betrachter richten.
Die erste Werkgruppe: „Man nehme": Texte auf farbigem Untergrund. Sie sind aus der schieren Freude an der Sprache entstanden, dem lustvollen Durchforsten von Wörterbüchern, auf der Suche nach Essbarem. So sind köstliche Wortspielereien entstanden: z.B. "Aprikosen küssen" oder "Stachelbeeren zähmen" oder "Kapern erobern".
Eine weitere Werkgruppe sodann: „Anweisungen": Text und Malerei. Das sind Bilder, bestehend aus mehreren Schichten, Elementen auch: Farbe, Buchstaben z.T. angeschnitten, Wortfetzen z.T. gedreht, eher unlesbar insgesamt: z.B. "JETZ – TSTA – RTEN": jetzt starten. Oder: "SIGNA – LESE - NDEN": signalesenden / signale senden: Buchstaben, Silben, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick zu Worten zusammenfügen, Buchstaben-Bild eben zunächst und erst dann Wort resp. Text. Eine Anweisung sollte eigentlich schnell und gut lesbar sein, dies wird hier ad absurdum geführt. Ausgangspunkt der Texte – und dies gilt auch und vor allem für die vierte Werkgruppe - sind dabei ausgesuchte Sätze aus Betriebs- oder Montageanleitungen, Gebrauchsanweisungen auch. Für diese Werkgruppen hat die Künstlerin sämtliche Betriebsanleitungen und Gebrauchsanweisungen in ihrem Atelier und zuhause durchforstet und alle Sätze herausgeschrieben, die ihr in diesem Zusammenhang interessant erschienen.
Und nun zu guter Letzt: „Mal mal", die vierte Werkgruppe, Malerei und Text. Deren Inhalt: der Titel verrät es: Das Malen, die Malerei, genauer der Umgang mit Kunst.
Ein erstes Beispiel: "Mal mal (zum ersten)": Eine Serie von Befehlen, bestehend aus Textfragmenten; Betriebsanleitungen entnommen umgewandelt zu einer Anleitung zur Kunstbetrachtung: der Text lautet denn auch „Nehmen sie sich einige Minuten Zeit, näher kommen, Deckel abheben, Inhalt prüfen, vorsichtig abkratzen, Abstand halten, diverse testen, dranbleiben".
Und ein zweites Beispiel: "Mal mal (zum fünften)": Eine Anleitung zum Verstehen von Kunst: „Erzählen statt behaupten, endlich Fragen auf alle Antworten, entziffern ohne zu interpretieren, schwer zu sagen, wieviel Gewicht dieses Bild hat".
Ein drittes und letztes Beispiel: "Mal mal (zum vierten)" das ist eine weitere Serie von Befehlen die mit der Doppeldeutigkeit des Wortes mal spielt. Kunstunterricht: „Mal mal, mal mehr, mal weniger, mal schön mal nicht, mal gut mal schlecht, mal dies mal das, mal hier mal dort, mal so mal anders, mal mir mal."

Befehle, Anleitungen und Feststellungen. Doch war am Anfang dieser Bilder nicht das Wort, sondern ein sogenannt schönes Bild; Acryl auf Leinwand wie das im Fachjargon heisst. In einem zweiten Schritt übermalte die Künstlerin diese Malerei um im dritten und letzten Schritt in die noch feuchte Übermalung den Text zu schreiben. So wurden Teile des ursprünglichen Bildes wieder sichtbar: Eine Ahnung eines verlorenen Paradieses.
Ich hoffe, Sie haben es gemerkt: Im Schaffen und Werk von Vitoria Pinto findet sich neben Tiefgründigkeit immer auch sehr viel Witz und Humor. Es ist ein Werk wider den tierischen Ernst, geprägt von einer tiefen Ernsthaftigkeit. Ein Paradox. Doch leben alle Werke von Vitoria Pinto von Gegensätzen, einer letztlich barocken Spannung: Schein und Sein, Innen und Aussen, sichtbar und unsichtbar, Kopf und Herz. Worte und Taten eben: oder mit der Formulierung einer ihrer Textarbeiten: "Wo du bin, bist ich". Kunst ist für Vitoria Pinto immer auch Begegnung.
Kunstvermittlung ist übrigens ein grosses Anliegen von Vitoria Pinto. Nicht zuletzt deshalb nennt sie ihre Firma "Kunstbetrieb": Kunst treibt sie um, wo auch immer sie ist, in welcher Form auch immer.

Felix Pfister, Romanist, Germanist, Präsident Verein Museum Eva Wipf



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Kunstschaufenster bei Wein & Co., Uster (CH), "Trink lieber nur Katzenmilch", März bis September 2010